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27.02.2020

NOTRUFTAG 2.0

Ein Rückblick

110 und 112 sind Rufnummern, die jedem geläufig sind und hoffentlich nur selten gewählt werden müssen. Falls es doch einmal dazu kommt, dann müssen Nummer und Rufaufbau funktionieren und am besten schnell. Für uns als Endverbraucher ist es normal und wir können uns darauf verlassen, dass in Notfallsituationen unser „Freund und Helfer“ erreichbar ist und uns lokalisiert. Doch, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist und sich hinter so einem Rufaufbau eine komplexe technische Umsetzung befindet, ist den Wenigsten bewusst. Auch aus Sicht der Experten, wie den Netzbetreibern (Carrier) und den Service Providern gibt es hierbei noch zahlreiche Unklarheiten, welche durch die schnelle Entwicklung der Digitalisierung und vor allem die Einführung einer neuen Version der Technischen Richtlinie Notrufverbindung (TR Notruf) 2.0, zu noch offenen Fragen führen. Um diese Schwierigkeiten zu diskutieren und bestenfalls Lösungen zu liefern, haben der Digitalverband Bitkom e.V. und die DOK SYSTEME GmbH gemeinsam den mittlerweile 5. Notruftag ausgerichtet und an der Umsetzung beteiligte Marktpartner als Referenten dazu eingeladen.

Die Veranstaltung fand als Sondersitzung des Bitkom Arbeitskreises Kommunikationstechnologie, passend zum europäischen Notruftag, am 11.02.2020 in Berlin statt und es gab eine unerwartet hohe Nachfrage, sodass zum einen auf größere Räumlichkeiten ausgewichen werden musste und zum anderen die Wahrnehmung, dass Klärungsbedarf hinsichtlich des TR Notruf 2.0 besteht, nur bestätigt wurde. Insgesamt wurden sieben Vorträge gehalten, welche die unterschiedlichen Herausforderungen und veränderten Anforderungen, die sich aus der neuen Technischen Richtlinie Notrufverbindung 2.0 ergeben, näher betrachtet und beleuchtet haben. Insbesondere die Umstellung der Leitstellen auf IP, die Migration auf einen zentralen SIP-Trunk, Ermittlung und Übermittlung der Standortinformationen des Endgerätes (Adresse, Koordinaten, Unsicherheitsellipse) wie auch eine nomadische Nutzung rückten an diesem Tag in den Vordergrund.

Den Auftakt machte Dr.-Ing. Jan Steuer, Geschäftsführer der DOK SYSTEME GmbH, mit einem Überblick zu den besonderen Herausforderungen des TR Notruf 2.0 für Endkunden und Campus-Betreibern und ging dabei auf Anforderungen, Voraussetzungen und Problemstellungen wie bspw. bei der Umstellung auf Softphones, Stromausfällen und Carrier-Schnittstellen bei der Übermittlung des Standortes des Notrufenden ein. Besonders hervorgehoben wurde beim Letzteren das Thema „zentraler SIP-Trunk“, über den viele unterschiedliche Standorte kommunizieren, sodass die postalische Adresse des SIP-Trunks nicht ausreichend ist, um die richtige Leitstelle zu identifizieren und die Standortdaten zu übermitteln. Es ist erforderlich ein gesondertes Verfahren mit dem Carrier zu bestimmen, in dem der genaue Standort des Notrufenden übermittelt werden kann.

Bei vielen Teilnehmern sorgte sicher auch der folgende Punkt für einen Aha-Effekt: Das viele Anbieter von mehr oder minder öffentlich zugänglichen WLAN-Hotspots mitwirkende Telekommunikationsdienstleister mit Pflichten aus dem TKG sind, war sicher nicht allen bewusst.

Im ersten folgenden Vortrag berichtete Michael Seele, aus dem Fachvertrieb Festnetztelefonie der T-Systems, über „All IP – Anschlussvarianten der Corporate Voice Solution (CVS)“ und stellte neue Varianten für die SIP-Sprachanschlüsse des Carriers vor.

Es folgte der Vortrag von Andreas Jahr (Regionalvertriebsleiter Public & Health, Vodafone GmbH Süd) zu dem Thema „Unser Netz für Ihre Leitstelle Vodafone IP-Notruf 110/112“. Hierbei wurden die zu berücksichtigen Neuerungen in den Leitstellen und den Netzen dargestellt, wie auch die veränderten Bedingungen des Routings auf den Gemeindegrenzen erörtert. Der erste Teil des Vortrages befasste sich auch mit den zentralen SIP-Trunks, hierbei nannte Herr Jahr die Lösung des obigen Problems durch setzen der PAI auf eine vereinbarte Rufnummer, für die beim Carrier ein Standort hinterlegt ist. Im zweiten Teil des Vortrages wurde über ein im Sommer 2020 anlaufendes Pilotprojekt in Bayern berichtet, bei dem Notrufanschlüsse am Vodafone-Netz getestet werden.

Felix Fehlau (Senior Expert Consultant, DOK SYSTEME GmbH) ging in seinem Vortrag zum Thema „Besondere Herausforderungen der TR Notruf 2.0 für Carrier, insb. AGS-N basiertes Routing und Standortübermittlung nach dem Auslaufen der PSTN-Sonderregelung“ darauf ein, welche Besonderheiten es bzgl. der rechtlichen Rahmenbedingungen, dem Umstieg auf NGN, der Standortübermittlung und der Leitstellen-Lenkung gibt. So liegen hierbei die wesentlichen Herausforderungen bei den Änderungen der Gemeindegrenzen, der Leitstellen-Einzugsgebiete und der Zielnotrufcodierungen. Aber auch der Mischbetrieb (TDM/NGN), die genaue Geokodierung von Adressen, wie auch die Umsetzung der Ermittlung der Unsicherheitsellipse stellen eine Erschwernis dar. Nur die Ermittlung der Unsicherheitsellipse könnte zu einem kaum vertretbaren Aufwand führen, wie Felix Fehlau es an einem Projektbeispiel dargestellte.

Darauffolgend stellte Andre König (Head of Product & Consulting, ASPIRIA Informationstechnologie GmbH) in seinem Vortrag „Notruflösung im Umfeld Cisco Call Manager (CUCM)“ neue Möglichkeiten des Produktes TIM8 vor. Insbesondere das Modul „TIM Rescue“ ermöglicht durch seine vielseitigen Erweiterungen eine Notruflösung für Telefonie-Umgebungen mit zentralem SIP-Trunk, eine Lokalisierung anhand von IP-Subnetzen, wie auch eine Lokalisierung bis auf Raumebene. Diese Lösung setzt aber voraus, dass die IP-Netzadressen standortbezogen vergeben werden.

Auch André Barnitzke von TELES AG (Produktmanagement & Consulting) berichtete in seinem anschließenden Vortrag „TELES NotrufServer“ über die Umsetzung der TR Notruf für Service Provider und ITK-Dienstleister. Mit dem Fokus auf Carrier ging er auf die Problemstellungen hinsichtlich UC/SIP-Trunking ein. Besonders die nomadische Nutzung und der zunehmende Einsatz von Unified Communication, wie auch die Verteilung von VoIP-TK-Anlagen stellen für die Carrier eine technische Komplexität dar.

Zum Abschluss der Veranstaltung berichtete Bernhard Harz, IT-Leiter der Feuerwehr Berlin und Leiter der Expertengruppe Notrufe und Leitstellentechnik, über Praxiserfahrungen aus der Berliner Leitstelle. Dabei ging er auf Rechtliches rund um das Thema Notruf ein, wie unter anderem den „Europäischen Kodex für die elektronische Kommunikation“ (EECC), der verbindlich festlegt wie Notrufe für alle Mitgliedstaaten zukünftig zu behandeln sind, aber auch bspw. auf die Notrufnutzung für Menschen mit einer Hör- und Sprachbehinderung. Des Weiteren stellte Herr Harz die AML(Advance Mobile Location)-Technologie vor, hierbei handelt es sich um eine Parallelentwicklung, die in das Betriebssystem des Smartphones (iOS, Android) implementiert ist und die Leitstellen dabei unterstützt die Ortsprüfung des eingehenden Notrufes zu optimieren. Seit Oktober 2019 ist das AML-System deutschlandweit aktiv und seitdem konnte der Zeitaufwand zum Feststellen des Ereignisortes um 50 % gesenkt werden. Abschließend machte Herr Harz darauf aufmerksam, dass mit einem Notruf verantwortungsbewusst umgegangen werden soll, sodass in einer Notfallsituation effizient reagiert werden kann.

Der Veranstaltungstag bot den Teilnehmern die Möglichkeit sich untereinander auszutauschen und auch während der Vorträge den Referenten Fragen zu stellen und bestehende Problemstellungen anzusprechen. Dabei stellte sich heraus, dass besonders das Thema Migration auf einen zentralen SIP-Trunk und die daraus resultierende Ermittlung/Übermittlung der Standortinformationen des Endgerätes als wichtig erachtet werden und noch zu einigen Herausforderungen im Bereich des TR Notruf 2.0 und seiner Umsetzung führt. Daraus lässt sich ebenfalls erkennen, dass eine detaillierte Aufklärung seitens der Bundesnetzagentur gewünscht und vor allem benötigt wird, sodass Bedenken in naher Zukunft reduziert werden können.

Notruftag 2.0 – Bild erstellt während des Vortrages von Bernhard Harz (Berliner Feuerwehr)

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